bearbeitet: 12.03.2009
ergänzt: 20.09.2009
Die Gesellschaft und die Amokläufe
Nun haben wir nach dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium erneut ein entsetzliches Amoklauf-Blutbad, diesmal
an der Albertville-Realschule in Winnenden, Baden-Württemberg. Grausam, unfaßbar, unbeschreiblich.
Furchtbares Leid für zahllose Familien, schmerzliche, unwiederbringliche Verluste wertvollen Menschenlebens.
Trauer im ganzen Land. Bereitschaft zu Solidarität und unmittelbarer Hilfe für die Hinterbliebenen überall.
Und auch erste Schlußfolgerungen aus der Tat und deren Ablauf.
Hier aber beginnt eine weitere Tragödie. Die Forderungen nach erhöhter Sicherheit für unsere Kinder treiben
so skurrile Blüten wie zum Beispiel Eingangkontrollen an den Schulen, Kameraüberwachungen,
erhöhte Polizeipräsenz und ähnliche völlig realitätsfremde Regulierungsversuche,
die wirklichen Ursachen aber bleiben unausgesprochen.
Ein komplettes gesellschaftliches System versinkt in Unfähigkeit und Ignoranz, wenn es um die grundsätzlichen
Wirkungsmechanismen für die Entstehung solcher Katastrophen geht. Die am 11. März in Winnenden praktisch
ausgeübte Gewalt eines 17jährigen ist kein Vorgang, der längeres Unverständnis nach sich ziehen
könnte. Solche Gewalt ist in den Medien keine seltene oder vereinzelte Kategorie, sondern permanente, ja
tägliche, oft stündliche Gewohnheitspraxis. Was ist ein Menschenleben auf den deutschen Fernsehkanälen
wert? Mord und Totschlag aus niederen Motiven ist der tägliche Normalablauf der deutschen Fernseh"kultur".
Hinzu kommen massenweise Videospiele und Computerprogramme, mit denen unsere junge Generation
das emotionslose Töten von Menschen üben und trainieren kann. Geht all das nun noch einher mit
Vernachlässigungen im Elternhaus, werden die Kinder unkontrolliert diesen Einflüssen überlassen,
fehlt Liebe und Zuwendung, so ist es den Heranwachsenden gar nicht möglich, Achtung vor dem
Leben und der Gesundheit der Menschen an ihrer Seite zu entwickeln. Vielmehr entsteht ungezügeltes
Streben nach persönlicher Vorherrschaft, nach Macht über Leben und Tod; jeder will der Größte sein, mit
welchen Taten auch immer. Die Zunahme der Gewaltkriminalität unter Jugendlichen ist keine
zufällige Tendenz. Sie ist nicht auf den Rechtsextremismus begrenzt und steht in engem
Zusammenhang mit diesen medialen Einflüssen. Die Ausführungen zu diesem Teil des Problems in
einer 15minütigen Spezialsendung der ARD am 11. März um 20:15 Uhr waren gerade einmal 8 Sekunden
lang. Hier liegen die Prioritäten des notwendigen Handelns in unserer Gesellschaft.
Es gibt nur eine tragende Schlußfolgerung mit Langzeitwirkung: Weg mit der permanenten Gewaltdarstellung
in unseren Medien! Staatliches Verbot der massenweise existierenden Computerprogramme der Gewalt- und
Kriegsverherrlichung! Klar und deutlich: All das sind Dinge, die niemand braucht. Erst danach können andere
Präventivmaßnahmen, wie Gespräche mit den Jugendlichen, Beobachtung von Auffälligkeiten und rechtzeitige
Reaktionen, stärkere Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule überhaupt eine Chance auf Erfolg
bekommen. Aber genau an dieser Grundforderung und ihrer Durchsetzung offenbaren sich schier
unlösbare Probleme, denn hier ginge es vielen ans Geld. Fernsehen wird hierzulande nur des Geldes wegen
gemacht - Einschaltquoten zählen, sonst nichts - und die IT-Branche holt Unsummen mit den genannten
Spielprogrammen aus dem Volk. Diese Geldflüsse lassen sich freilich nicht mit freiheitlich-demokratischem
Gesäusel oder pseudo-rechtlichem Grundsatzgehabe stoppen, hier müssen andere staatliche
Wirkmechanismen geschaffen werden. Aber dort, wo der Staat gebraucht würde, fehlt er gänzlich.
Es führt zu keinen Ergebnissen, den Täter zu verdammen, ohne primär eine Lösung dieser Probleme
in Angriff zu nehmen. Wird hier nicht eingegriffen, werden wir früher oder später erneut vor
Exzessen dieser Art stehen und verstört nach den Ursachen suchen. Das ist der eigentliche Teufelskreis
der heutigen Gesellschaft: Öffentliche Fassungslosigkeit, wo Handeln gefordert ist.
Nicht alles in unserem System ist schlecht, es muß nur verallgemeinert werden: Im Kampf gegen die
Kinderpornographie sind wir bereits einen Schritt weiter.
Nachtrag vom 20.09.2009: Wie oben erwähnt, war es zu erwarten. 17.09.2009: Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen Gymnasium Carolinum in Ansbach acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im voraus geplant. Und auch diesmal sehen wir uns fassungslos. Jedenfalls hat in Ansbach die Polizei richtig reagiert. Bleibt nur zu hoffen, daß dies nicht zu Disiplinarverfahren führt.