bearbeitet: 20.07.2010     

Sprachverfall? Der erhobene Zeigefinger der Kulturpessimisten

In reichlich arroganter Manier engagiert sich ein Internetportal mit dem schwächlichen Namen "Orthogravieh" gegen alle, die die deutsche Sprache pflegen, erhalten und sinnvoll entwickeln wollen. Ich habe einen der "Grundsatzbeiträge" des Portals mit rot eingefärbter Schrift kommentiert, in der Absicht zu zeigen, wie schlimm die Irrtümer sind, die sich unter den Betreffenden festgesetzt haben. Man kann solche Sprachrevoluzzer in ihrer Ignoranz nur bedauern, aber man muß auch widersprechen.

14. Juli, 2010 von Orthogravieh (Originaltext des Beitrages in schwarzer Schrift)
20. Juli 2010, Einfügungen von Pohl (meine Kommentare in roter Schrift)

„Orthogravieh“ ist sicher ein recht witziges Pseudonym, dahinter erwartet man Satire, aber plötzlich will es ernst genommen werden, das Orthogravieh. Das paßt nicht recht zusammen. So werde ich also das Orthogravieh angemessen ernstnehmen, wo mir dies möglich erscheint. Menschen aber, die sich um die Pflege der deutschen Sprache kümmern, Kulturpessimisten zu nennen, offenbart schon im Titel des Beitrages den Kulturverlust des ganzen Unternehmens.

„Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden.“ Diesen Satz sagte Edda Moser im "FAZ"-Interview vor vier Jahren, und er wird heute noch gern zitiert. Sie sagt aber auch. „Sprache darf sich aber nicht in die falsche Richtung entwickeln“. Das Orthogravieh sucht sich also nur die Sätze heraus, die es für seinen populistischen Beitrag als passend ansieht.

Vor allem von jenen, die sich dem Bewahren der deutschen Sprache verschrieben haben. Hier disqualifiziert sich das Orthogravieh gleich zu Beginn selbst. Will es etwa die Sprache nicht bewahren? Will es etwa Oettinger rechtgeben, der überzeugt ist, daß „Deutsch wohl als Familien- und Freizeitsprache erhalten bliebe, im Arbeitsprozeß aber zukünftig englisch gesprochen werde“? Bewahren ist schließlich nicht die Fixierung einer Momentaufnahme, sondern der sinnvolle Umgang mit notwendigen und im Sprachgebrauch wachsenden Änderungen. Bewahren heißt Schutz vor Auswüchsen, nicht Schutz vor notwendigen Veränderungen. Mit Verlaub: Die Rechschreibreform ist keine notwendige Veränderung. Eine von den deutschsprechenden Völkern nicht legitimierte Gruppe von „Sprachverbesserern“ hat willkürliche und unsinnige Änderungen herbeigeführt – zum Wohle des Profits einiger Medienkonzerne. Von „Verfall“ ist da die Rede und von einem „dahinsiechenden, dem Tode geweihten Patienten Deutsch“. Hier wirft das Orthogravieh ganz augenfällig Sprachbewahrer und militante Schreihälse in einen Topf. Fremd- und Lehnwörter zum Beispiel sind schon immer aufgekommen. Sie zerstören die Sprache nicht. Aber ein Maß ist vonnöten. Zur Zeit scheint das Maß überschritten, wenn all und jedes, das neu gemacht wird, nicht mehr deutsch, sondern englisch benannt wird, wenn massenweise deutsche Wörter durch englische ersetzt werden, und wenn mit den englischen Wörtern gleich auch die englische Grammatik mit eingeführt wird. Sieht es das Orthogravieh etwa als normal an, ein Handelszentrum mitten in Berlin „Eastgate“ zu nennen? Oder einen Tischler in Potsdam, der sich „Woodmaster“ nennt, obwohl es so ein Wort im Englischen gar nicht gibt? Oder wenn die Absicht verkündet wird, das Zentralstadion in Leipzig in „Red Bull Arena“ umzubenennen? Da nörgeln sie also an der angeblich verfallenden deutschen Sprache herum, die „alten Männer“ mit erhobenem Zeigefinger. So erzeugt man künstlich ein Generationenproblem, wenn man die „alten Männer“ der „dynamisch-spritzigen jungen Generation“ feindselig gegenüberstellt. Und vergessen dabei, dass es sich bei Sprache um etwas höchst Vitales handelt. Lebende Sprachen, also solche, die von Sprachgemeinschaften (aktuell) verwendet werden, verändern sich, und zwar ständig. Hört sich so an, als würden ältere Menschen, die unsere Sprache bewahren möchten, das leugnen. Aber mit unsachlichen Diffamierungen läßt sich wohl kaum das unbekümmerte Zusehen bei den vorzufindenden Maßlosigkeiten in der Sprach“entwicklung“ rechtfertigen.

Besonders wird gejammert über die Invasion der Fremdwörter, der anderssprachigen Entlehnungen. Frech ist das doch, einfach „Spam“ zu sagen, mokieren sich die Weisen der „Aktion lebendiges Deutsch“ (http://www.aktionlebendigesdeutsch.de/) und schlagen stattdessen die Wörter „E-Müll“ oder „Digimist“ vor. Weiß das Orthogravieh eingentlich, das „Spam“ ursprünglich „das Frühstücksfleisch“ heißt? Gut oder schlecht ist hier nicht die Frage, aber Deutsch ist eine der wenigen Sprachen, die allzugroße Mengen fremdsprachiger Begriffe, insbesondere anglo-amerikanischer, unkontrolliert aufnimmt, ohne nach deutschen Bezeichnungen zu suchen. Dabei entsteht auch kurioses: „Bodybags“ kann man kaufen, Rucksäcke sind gemeint, „body bags“ sind im Englischen aber Leichensäcke. Und wie heißt Rucksack im Englischen? Kaum zu glauben: rucksack. Wörter mit Migrationshintergrund (also Wörter mit Wanderhintergrund? Fremdwörter sind für manch einen eben Glücksache) haben es also nicht leicht in einer angeblich sprachbewahrenden Umgebung. Und das ist gut so. Schleichen sie sich etwa schmarotzend in unsere heile deutsche Sprachwelt ein? Saugen sie sich parasitär fest an einem immer schwächer werdenden deutschen Wirt, wie man es ihnen vorwirft? Vielleicht schauen wir uns einfach mal an, seit wann sich diese Wörtchen uns eigentlich nähern und wie geschickt sie sich hineinschmuggeln ins Deutsche: Englische Lehnwörter importieren wir noch gar nicht so lange: Erst seit dem 19. Jahrhundert hat ihr Einfluss zugenommen. Griechische und lateinische Lehnwörter beispielsweise fühlen sich schon länger heimisch bei uns. Oftmals sind diese Wörtchen schon so weit eingedeutscht, dass wir sie gar nicht mehr als besagte Migranten erkennen. Das ist etwa bei „Schal“ der Fall. Oder hätten Sie gewusst, dass es auf das englische „shawl“ zurückgeht (und darüber hinaus auch noch persische Wurzeln hat)? Kein nörgelnder alter Mann käme heute mehr auf die Idee, sich über die Verwendung des Wortes „Schal“ aufzuregen. Kein „nörgelnder alter Mann“ würde Fremdwörter bemängeln, wenn es nicht schon zur Manie geworden wäre, in großen Mengen deutsche Vokabeln durch englische zu ersetzen, heißt, die deutschen aus unserer Sprache zu verbannen. Event statt Ereignis, Location statt Ort, public viewing statt Gemeinschaftsfernsehen und täglich Hunderte neuer Einfälle. Fragen Sie mal eine jüngere Verkäuferin in der Kaufhalle, wo die Pampelmusen liegen. Sie wird sie verständnislos ansehen. Grapefruit heißt das, die Pampelmuse ist gestorben. Oder fragen Sie nach Moosbeerensaft. Gibt es nicht. "Cranberry juice" heißt das. Den veralteten Quatsch brauchen wir nicht mehr. Leider begegnet man zur Zeit auf Schritt und tritt diesem ausufernden Englischwahn, der im wesentlichen nichts als Angeberei ist. Denn versucht man mit Leuten, die einem so krampfhaften Englischzwang unterliegen, englisch zu sprechen, ist sehr schnell der Dampf raus. Wer Englisch kann, pflegt seine Muttersprache.

In seinem populärwissenschaftlichen Artikel „Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?“ versucht sich der Linguistik-Professor Rudi Keller an einer wunderbaren (und auch wunderbar verständlichen) Antwort auf diese Frage, die viele umtreibt. So schreibt er dort: „Wir beobachten die Sprache punktuell durch ein schmales Zeitfenster und erkennen in diesem begrenzten Ausschnitt notwendigerweise jede Menge Fehler und Barbarismen. Die systematischen Fehler von heute sind jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen.“ Dadurch, dass wir den Wandel hautnah miterleben, müssen wir ihn natürlich auch zwingend als fehlerhaft wahrnehmen (aber nicht zwingend als bedrohlich für unsere Sprache). Und fehlerhaft ist er auch, solange die aktuelle Regelhaftigkeit noch ist, wie sie ist. Letztlich entscheidet tatsächlich der Gebrauch über viele Jahre hinweg (wie am Beispiel „Schal“ gezeigt), das macht das Lebendige aus. Damit hat Rudi Keller aber sicher nicht gemeint, daß man in regelmäßigen Abständen Rechtschreibreformen machen muß, mit denen das Regelwerk komplett abgeschafft und durch ein anderes ersetzt wird. Es kann auch sicher eine Entwicklung nicht als normal angesehen werden, in der ein erheblicher Teil des Volkes ohne spezielle Neudeutsch-Lehrgänge seine Muttersprache nicht mehr verstehen kann.

Ein kleines Problem ergibt sich für uns trotz allem, und zwar ein „moralisches“: Wie können wir guten Gewissens einerseits eine Lanze brechen für Migrantenwörter (Wandererwörter? Welch treffsichere Ausdrucksweise!) und für einen unaufgeregten Umgang mit dem Sprachwandel, andererseits aber besserwisserisch und gleichsam lustvoll immer wieder den Orthogravieh’schen Rotstift ansetzen und uns den augenrollenden Zorn unserer geschurigelten Kollegen zuziehen? Die Antwort darauf ist bestechend einleuchtend: Wir sehen einen deutlichen Unterschied zwischen unreflektiertem Um-sich-Schlagen bei jeglicher sprachlicher Veränderung, die im Grunde etwas völlig Normales ist, und einem wachen, aufmerksamen Umgang mit Sprache und ihrer aktuellen (!) Regelhaftigkeit. (Wie wunderbar, dieser Erkenntniswandel! Weiter oben spricht doch das Orthogravieh noch ganz anders). Sprache funktioniert nach bestimmten Prinzipien, die zu einer bestimmten Zeit gelten und nachvollzogen werden können. Das war früher so, und das ist heute so – und das Heute erleben die geplagten von uns Korrigierten am eigenen Leib (besonders der Kollege, der folgenden absolut legendären Satz produziert hat: „Von dem Spieler seine Geschwindigkeit wird gemessen.“). Legendär? Was versteht denn das Orthogravieh darunter? Ich erkenne darin einen Sprachscherz wie etwa Bastian Sicks „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Nun doch Satire? Natürlich sprechen wir mitunter solche Späße wie „noch und nöcher“ oder „nichts destoweniger trotz“ oder "du bist am dransten", aber welcher normale Deutsch-Muttersprachler erwartet wohl, daß dies die zukünftigen Regeln werden?! Immerhin sind solche Dinge nicht ganz aus der Luft gegriffen, so daß wohl doch ein Bedarf besteht, daraufhinzuweisen. Denken wir nur an den SMS, den Short Message Service, also den Kurzmitteilungsdienst. Viele hinterfragen gar nicht mehr, was sie reden und schreiben, und so entsteht großer Unfug: Sie schicken sich nun gegenseitig SMS zu, ohne zu erkennen, daß das gar nicht geht. Den Dienst kann man nicht verschicken, sondern nur die damit erzeugten Kurzmitteilungen. Und die sprachlich völlig aus dem Takt Geratenen fangen neuerdings sogar an "zu simsen". Sind das etwa erstrebenswerte Veränderungen? "Völlig normale" Entwicklungen?

Alles verändert sich. Sprache verändert sich. Und wir plädieren für sprachliche Unaufgeregtheit. Ach was, wir plädieren für Unaufgeregtheit allgemein. Was ist „Unaufgeregtheit“? Ist es das teilnahmslose Zusehen beim Zerstören unserer Sprache durch einige sich fortschrittlich nennende dynamisch-spritzige Zeitgenossen? Ist es die Ablehnung des spracherzieherischen Wirkens der Lehrerschaft an den Schulen? Ist es die Haltung, das Volk werde es schon richten, niemand dürfe sich da einmischen? Brauchen wir keinen Stolz mehr auf unsere Sprache? Soll es richtig sein, daß schon die nächste Generation die heute geschriebenen Texte nicht mehr lesen kann? Wenn es das ist, verdient „Unaufgeregtheit“ den Titel „Das Unwort der Neuzeit“.

Tags: Oder vielleicht Verweise? Deutsch, Lehnwörter, Sprache, Sprachverfall, Sprachwandel

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