bearbeitet: 13.06.2021      

Natürliche Sprachen und Kunstsprachen

Jede natürliche Sprache hat ein allgemeingültiges Merkmal: Sie ist ein Ergebnis der historischen Entwicklung eines Volkes, das die Sprache spricht und schreibt. So haben sich im Verlauf der Entwicklung eine Grammatik und eine Orthographie herausgebildet, die von allen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft anerkannt und verwendet werden. Die Sprache verändert sich ständig. Sie paßt sich den sich veränderten gesellschaftlichen Bedingungen an, unterliegt jedoch nicht Veränderungen durch Einzelne oder durch Gruppen, und sie unterliegt keiner Machtstruktur.

Kunstsprachen hingegen sind von Menschen konstruierte Sprachen, die das Ziel haben, die Mehrdeutigkeit von Begriffen, die in natürlichen Sprachen vorkommen, zu vermeiden und eine mathematisierte Einheitssprache mit einfacher, streng logisch aufgebauter Orthographie und Grammatik zu schaffen, die leicht zu erlernen sein soll und kaum Veränderungen unterliegt, es sei denn, durch die Schöpfer der Kunstsprache werden Änderungen vorgenommen. Beispiele sind Esperanto mit der Weiterentwicklung Ido, Interlingua oder Volapük. Es bedarf ganz sicher keines hochentwickelten Weitblicks zu erkennen, daß solche Konstrukte nicht zum allgemeinen Verständigungsmittel auf der Welt werden können. Es fehlt ein Grundmerkmal für eine Sprache: Es gibt kein Volk, das sie spricht, keine Generationen, die mit ihr aufwachsen.

In der deutschen Sprache wird jedoch seit längerem versucht, diese Grundsätze zu durchbrechen und sie massiv nach dem Willen kleinerer separierter Gruppen zu verändern. Das auffälligste Beispiel ist die sogenannte Rechtschreibreform, die das Ergebnis der Annexion der Sprache durch staatliche Organe mit nachfolgender doktrinärer Durchsetzung gegen den Mehrheitswillen der deutsch sprechenden Völker unter Bruch aller demokratischen Regeln ist. Der mit dieser "Reform" angerichtete Schaden an der deutschen Sprache ist erheblich, und er ist bereits jetzt irreversibel, von der mißratenen Qualität der Reform einmal ganz zu schweigen.

Eine andere Richtung der "modernen Sprachanpassung" ist die sogenannte geschlechterneutrale oder auch gendergerecht genannte Veränderung der Sprache, die nun sogar auf die Sprechweise Einfluß zu nehmen versucht. Es beginnt mit der permanenten Doppelnennung maskuliner und femininer grammatischer Formen, für die keinerlei Notwendigkeit besteht, weil mit dem generischen Maskulinum und mit den genusunabhängigen Pluralformen ohnehin männliche und weibliche Begriffsträger sowie auch alle, die sich zu keinem der beiden Geschlechter zählen wollen, genannt sind. Das heißt, die ständigen Formulierungen Schülerinnen und Schüler, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Lehrerinnen und Lehrer, Bürgerinnen und Bürger, Studenten und Studentinnen sind nichts anderes als die lästige und nutzlose Aufblähung eines Textes, darüber hinaus unterlassen sie die Nennung der Diversgeschlechtlichen. Besonders bizarr in diesem Trend sind Auswüchse wie Mitglieder und Mitgliederinnen, Leute und Leutinnen, sogar Krankenschwesterinnen gibt es schon. Diese unnütz verlängerten Schreibweisen, die auch ihren Verfechtern mitunter zu viel werden, können dann durch einen Schrägstrich oder das großgeschriebene Binnen-I ersetzt werden, womit eine Orthographie ohne jegliche Schriftkultur erzeugt wird. Zu welch gräßlichen Verunstaltungen das am Ende führen kann, hat der Schweizer Sprachwissenschaftler Dr. Arthur Brühlmeier in einer Dissertation gefunden, die den Satz enthält: "So wird ein(e) Lernende(r) zu eine(r)/(m) LernbegleiterIn und umgekehrt." Ergebnis: Man kann es weder lesen noch sprechen. Es gibt sogar Zeitgenossen, die in dem Indefinitpronomen man etwas Männliches zu erkennen glauben. Sie plädieren anstelle der Formulierung "das kann man kaum glauben" für "das kann frau kaum glauben". Ich sehe an dieser Stelle einen Sinn zu überlegen, wann ein Konstrukt lächerlich wird.

Eine weitere Methode, mit der man den Textaufblähungen entgegenwirken möchte, ist die Verwendung von Partizipien anstelle der Nomen. So heißt es nicht mehr Studentinnen und Studenten, auch nicht StudentInnen oder Student/innen, sondern Studierende. Das jedoch ist in zweierlei Hinsicht völliger Unsinn.
* Erstens ist damit das Problem nicht behoben, denn nun gibt es die Studierende und der Studierende, nur verhindert die Kongruenz der Formen die unmittelbare Sichtbarkeit. Außerdem werden nun wieder die außerhalb männlicher oder weiblicher Orientierung befindlichen Menschen ausgeklammert.
* Zweitens wird dabei außer acht gelassen, daß Partizipien ja eine völlig andere semantische Bedeutung haben wie Nomen. Ein Studierender ist etwas völlig anderes als ein Student. Dieser Bedeutungsunterschied ist durch den Dauergebrauch in verschiedenen Bereichen schon weitgehend verwischt und wird oft gar nicht mehr wahrgenommen.

Ein anderer Auswuchs ist die Nennung der maskulinen Form mit dem Zusatz m/w/d. Wenn sich zum Beispiel an einem Transportfahrzeug ein Aufkleber befindet: "Suchen Kraftfahrer m/w/d", entsteht die Frage, von welcher Relevanz wohl die sexuelle Orientierung eines Bewerbers für die Erfüllung einer Transportaufgabe sein soll. Die mit dem generischen Maskulinum alle umfassende Formulierung "Suchen Kraftfahrer" ist völlig hinreichend.

Nun aber werden seit längerer Zeit Kuriositäten fabriziert, die die Intelligenz ihrer Schöpfer in Frage stellen. Man soll jetzt zum Beispiel Bürger*innen oder Bürger:innen oder Bürger_innen schreiben, und sprechen soll man es mit einem phonetisch abgehackten "i" im Anhängsel innen. Abgesehen davon, daß ein solcher Eingriff in die Sprechweise widersinnig ist und wohl kaum einen Deutsch-Muttersprachler dazu bewegen kann, sich solchen "Vorschriften" zu beugen, wird damit nun eine Kunstsprache konstruiert, die mit Deutsch nichts mehr gemein hat. Den Völkern deutscher Muttersprache wird man mehrheitlich kaum solche Unbilden aufzwingen können.

Aber es kommt noch ärger, wenn man die Ansinnen einiger solcher "Spracherfinder", allen voran eines Herrn Prof. Lann Hornscheidt, besieht, der allen Ernstes meint, es sei angemessen, nicht "der Käufer und sein Einkaufskorb" zu sagen, sondern "ens Käuferens und ens Einkaufskorb". Dabei sei "ens" der Mittelteil des Wortes Mensch und seine Kreation sei "eine neue Form des Sprechens, die die Gesellschaft zusammenführt". Das kann ich nicht erkennen, ich sehe vielmehr, daß es die Gesellschaft spalten wird, sollte man versuchen, es zwangseinzuführen, wie etwa die Rechtschreibreform. Er hat auch noch andere skurrile Vorschläge, zum Beispiel: "Lann und ex Freudex haben ex Rad bunt angestrichen." Dazu meint er, die Endung "ex" stehe für "Exit Gender", also dem Verlassen der Zweigeschlechtlichkeit. Abgesehen davon, daß man es weder lesen noch verstehen kann, reiht es sich ein in seine Forderung, mit "Sehr geehrtx Profx" angesprochen zu werden. Natürlich kann Herr Prof. Hornscheidt für sich solche "Sprachbesonderheiten" festlegen, er riskiert dabei nur, weder in Deutschland noch sonst irgendwo auf der Welt verstanden zu werden. Das aber wäre wohl für die Allgemeinheit von Vorteil, es ergäbe sich daraus die beste Lösung des Problems: Es bliebe ohne Folgen.

Resümee: Alle in diesem Beitrag genannten "Erneuerungen" und "Modernisierungen" der deutschen Sprache sind unter grobem Unfug einzuordnen. Die Nennung der Menschen aller sexuellen Orientierungen ist in unserer Sprache ausreichend enthalten, sie bedarf keinerlei unsinniger Konstrukte einiger weniger, die nicht erkennen wollen, daß man das generische Maskulinum nicht mit dem biologischen Geschlecht "männlich" gleichsetzen kann. Das militante Gehabe einiger Pseudofeministen trägt in keiner Weise zur sprachlichen Gleichbehandlung, oder wie sie es nennen, zur "sprachlichen Sichtbarmachung" der Frauen und anderer nichtmännlichen oder auch nichtweiblichen Mitglieder der Gesellschaft bei. Es hat nur eine einzige erkennbare Folge: Die gewaltsame Zerstörung unserer Sprache, eines der höchsten Kulturgüter der Völker deutscher Muttersprache.

Quelle:
https://www.lannhornscheidt.com/