bearbeitet: 04.09.2021     

Das Impfbuch für alle

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat zusammen mit dem Robert-Koch-Institut eine Broschüre mit dem Titel "Das Impfbuch für alle" herausgegeben, welche die Corona-Pandemie als Anlaß verwendet, über Notwendigkeit, Risiken, Zweckmäßigkeit und über rechtliche Fragen des Impfens aufzuklären. Die Autoren des Buches werden nicht genannt, man hat aber Dr. med. Eckhart von Hirschhausen gewinnen können, Beiträge beizusteuern. Das Buch ist ein gelungener Ansatz mit vielen wertvollen und auch überzeugenden Argumenten, den Leser für das Impfen zu motivieren. Leider wird dieser positive Tenor des Buches durch eine desaströse sprachliche Gestaltung bei den meisten Lesern Unmut hervorrufen, der letztendlich auch Zweifel an den inhaltlichen Werten begünstigen und auslösen wird. So wird ein guter Ansatz durch die völlige sprachliche Inkompetenz seiner Autoren zunichte gemacht. Das Ziel, Impfgegner für das Impfen zu gewinnen, wird zu beträchtlichem Teil verfehlt werden, weil ein großer Teil von ihnen argumentieren wird: Wer in solch katastrophal verunglimpften Deutsch schreibt und spricht, ist unglaubwürdig.

Sehr auffällig ist, daß im gesamten Text durchgängig der Begriff "Forschende" verwendet wird, wenn Forscher gemeint sind. Aber Forschende sind keine Forscher, sondern ein ganz anderer Personenkreis. Ganz genauso, wie Studierende keine Studenten sind, sondern völlig andere Personen. Die Autoren scheinen sogar Beklemmungen zu haben, das "Forscherteam" zu benennen, man nennt es "Forschungsteam". Kleine Klarstellung: Nicht die Forschung bildet das Team, sondern die Forscher. Die Verwendung von Partizipien anstelle der Nomen ist allgemein ein großes Übel der heutigen Sprachgestaltung. Sprachwissenschaftler erklären seit mehreren Jahrzenten geduldig den Bedeutungsunterschied zwischen Nomen und Partizipien, aber die Politik versteht es nicht. Ist dies nicht ein Zeichen dafür, daß Politiker erhebliche sprachliche Defizite haben? Kraft ihrer Machtbefugnisse aber helfen sie, mit großer Lautstärke den Unfug des Ersetzens von Nomen durch Partizipien durchzusetzen.

Im gesamten Buch werden alle Facetten der sprachlichen Mißgestaltung durch das Genderdeutsch verwendet, das zu hunderten Rechtschreibfehlern führt, die mit den Sternchen oder Doppelpunkten inmitten von Wörtern sowie mit dem großgeschriebenen "I" im Suffix "-innen" hervorgerufen werden. Sehr störend ist auch die an vielen Textstellen ausufernde Doppelnennung von maskulinen und femininen grammatischen Formen, die wegen der im Deutschen vorhandenen Formen des generischen Maskulinums sowie des agenuinen Plurals, mit denen in der deutschen Sprache alle Personen angesprochen werden, völlig überflüssig sind. Außerdem ist zu beanstanden, daß schließlich mit der Doppelnennung nicht mehr alle anzusprechenden Personen erfaßt werden, weil die Minderheit der Menschen, die weder Mann noch Frau sind, oder die sich selbst nicht definieren können, also alle, die häufig mit dem unpassenden Attribut "divers" bezeichnet werden, nicht mehr genannt sind. Sind sie denn nicht ebenso Menschen und Mitglieder der Gesellschaft, wie alle anderen auch? Von der hochbeanspruchten "politischen Korrektheit" der Sprache kann also überhaupt keine Rede sein.

Auf der Seite 67 findet man den Satz:

"Die oder der Forschende kann zwar ganz auf sich allein gestellt einen Impfstoff finden, aber sie/er kann ihn nicht alleine zulassen; sie/er kann ihn nicht alleine millionenfach produzieren und auch nicht im ganzen Land oder der ganzen Welt verbreiten."

Sicher ist es, nachdem man so etwas gelesen hat, nicht abwegig, Fragen zu stellen. Ist das noch unsere deutsche Muttersprache? Geht nicht in dem überschwenglichen Wust der sogenannten "politischen Korrektheiten" der Inhalt des Satzes verloren?

Wenn ich auf Seite 66 zu lesen bekomme: "Held:innen- und Schurk:innengeschichten", berührt mich das peinlich, es kräuseln sich meine Rückenhaare. Dann aber werde ich das Gefühl nicht los, daß die Textgestaltung des Buches noch immer inkonsequent ist. Es fehlen nämlich noch die von "Profex. Drex." Lann Hornscheidt vorgeschlagenen Worteinschübe "-ens" und "-ex" anstelle der drei deutschen bestimmten oder unbestimmten Artikel. Die nämlich stoßen ihm als nicht geschlechterneutral auf. Und er verwendet diese Wortverkrümmungen sogar auch an solchen Stellen, an denen männliche oder weibliche Anzeichen nur vermutet werden können, wie zum Beispiel bei "Prof. Dr.".

Bei dem nachfolgend zitierten Satz (Seite 61) zwingt sich mir unvermeidbar die Frage auf, ob den Autoren nicht aufgefallen ist, daß mit solchen Auswüchsen die ganze Broschüre zur Karikatur wird:

"Die indirekte Folge der Impfpflicht: Es entstand eine Impfgegner:innen-Bewegung. Sie sammelte sich unter anderem hinter der Zeitschrift "Der Impfgegner" (ab 1881) und im "Deutschen Bund der Impfgegner" (ab 1896). Zu dieser Bewegung gehörten: Vegetarier:innen und Naturfreund:innen, Antikapitalist:innen und Antisemit:innen, Staats- und Technikkritiker:innen, christliche Fundamentalist:innen und Anthroposoph:innen. Ihre Motive waren durchaus unterschiedlich, ähneln jedoch denen, die heute noch von Impfgegnerinnen und Impfgegnern geäußert werden."

Wenn ich mir nun noch vorstelle, diesen Satz jemandem vorzulesen und getreu den Vorstellungen der Erfinder dieser Sprachexzesse alle ":innen" mit dem phonetisch abgehackten "i" ausspreche, werde ich während oder nach dem Zitieren wahrscheinlich einen Hustenanfall zu kurieren haben.

Schlimmer noch als das Buch ist aber das folgende: An verschiedenen Universitäten und Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland wird von den Studenten gefordert, in ihren schriftlichen Arbeiten das Genderdeutsch zu verwenden. Bei Nichtbeachtung wird mit der Vergabe schlechterer Noten gedroht. Ich komme nicht umhin, solchen Einrichtungen rechtswidrige Vorgehensweisen vorzuwerfen. Niemand hat das Recht, das Unterlaufen der Regeln der deutschen Rechtschreibung verbindlich zu fordern. Dazu gehören auch die Regeln der sogenannten Rechtschreibreform. Jeder hat das Recht, die von niemandem geforderten Zwangsveränderungen der deutschen Rechtschreibung nicht zu verwenden.